Sarah Schad war mit Unterstützung des Lions Clubs Haßberge mit “weltwärts” in Bolivien

 

 

 

 

 

 

In folgendem Bericht schildert Sarah Schad ihre Eindrücke und Erfahrungen:

Es ist der 23. August 2016 um 3 Uhr in der Früh: die gepackten Koffer stehen neben der Haustür und ich überprüfe zum gefühlt hundertsten Mal, ob auch alle wichtigen Dokumente mit dabei sind. Dann kommt der Teil, über den ich vorher schon oft nachgedacht und geredet habe: der Abschied von Freunden und Familie für eine Zeit, die jetzt noch sehr, sehr lange erscheint. Und dann geht es los zum Frankfurter Flughafen und eine Reise wird beginnen, bei der ich jetzt schon sicher bin, dass sie unvergesslich wird. Ein Jahr Santa Cruz de la Sierra in Bolivien steht mir bevor und ich bin gespalten von Vorfreude auf die neuen Erfahrungen und in Trauer für das, was ich für ein Jahr in Deutschland zurücklassen werde.

In der zehnten Klasse war mir schon bewusst, dass ich nach dem Abitur nicht sofort mit dem Studium anfangen möchte. Dazu schien mir die Gelegenheit zu perfekt, um etwas anderes zu machen. Ich meine, wann kommt denn die nächste Gelegenheit in meiner Karrierelaufbahn, bei der ich so wenig Verpflichtungen habe? Wann kommt die nächste Gelegenheit, für längere Zeit etwas ganz anderes zu machen? Damals habe ich mich entschlossen, ein soziales Jahr im Ausland zu absolvieren. Es erschien mir eine sinnvolle Sache zu sein, nach der Schule etwas zu tun, bei dem ich an mir selbst wachsen, aber auch im Rahmen eines Projektes anderen helfen kann. Und dies sollte ich in Santa Cruz tun.

Vor meiner Ausreise habe ich mir natürlich schon viele Gedanken darüber gemacht, wie es sein wird in einem anderem Land, einem anderen Kontinent, ein neues Leben anzufangen. Trotzdem fühlten sich teilweise die ersten Wochen so an, als ob ich in einer anderen Welt gelandet war. Die verschiedenen Sprachen Boliviens, das Wetter, der Verkehr, die Märkte und der krasse Gegensatz zwischen Arm und Reich, mit dem man täglich konfrontiert wird, sind nur die ersten Unterschiede, die einem ins Auge fallen.

Wobei die Märkte, die wie Santa Cruz als Stadt selbst, so schnell gewachsen sind, dass sie aus allen Nähten platzen. Die Markthallen sowie deren umliegenden Staßen sind mit den typischen Holzständen mit blauer Plastikplane als Dach umgebent. Dort lässt sich so ziemlich alles finden, was das Herz begehrt. Neben einem Verkaufsstand für Kleidung, lassen sich technische Geräte und Obst erwerben. Anfänglich wurden meine Mitfreiwilligen und ich auf den Märkten regelmäßig mit den Preisen übers Ohr gehauen. Da bezahlten wir auch schon mal gut das Doppelte. Aber es gilt sowieso bei fast allen Einkäufen eine goldene Regel: Preise mehrmals an verschiedenen Ständen erfragen und verhandeln.

Mein Projekt, in dem ich arbeite, ist ein Kinderheim, das von der Fundación Alalay geleitet wird. Alalay ist ein Wort aus dem Quechua und bedeudet ‚mir ist kalt‘. Dieser Ausdruck beruht darauf, dass Straßenkindern und Jugendlichen oft die Wärme ihrer Eltern fehlt. Sie empfinden nicht nur eine physische, sondern auch eine psychische Kälte. In Bolivien gibt es mehrere Unterteilungen des Begriffs ‚Straßenkind‘. Kinder die immer auf der Straße leben und keine Familie haben, zu der sie zurück kehren können oder wollen, gibt es glücklicherweise nur noch sehr wenige. Die meisten Straßenkinder hier haben ein Zuhause, zu dem sie zurück könnten. Es aber nicht wollen, weil es ihnen ihrer Meinung nach besser geht, wenn sie nicht daheim sind. Oft sind das aber triftige Gründe der Kinder. Das sind Kinder, die sich ’nur‘ tagsüber auf der Straße herum treiben und nachts wieder heimfahren oder Kinder, die nur alle paar Tage nach Hause gehen. Die sonstige Zeit gehen sie Arbeiten jeglicher Art nach, um sich etwas dazu zu verdienen, was für bolivianische Verhältnisse sogar oft lukrativ sein kann.

 

 

 

 

 

 

Hier setzt das Projekt “Alalay” an und versucht Kinder und Jugendliche davon zu überzeugen, ihr Leben auf der Straße sein zu lassen. Im Dialog versuchen wir das Vertrauen der Kinder zu erlangen und

sie davon zu überzeugen, dass ihre Chancen auf eine lebenswerte Zukunft in einem Heim sehr viel besser sind als auf der Straße. Für jedes Kind, das sich dazu entschieden hat bei Alalay zu leben und dort auch bleiben will, ist eine Patenschaft vorgesehen, was wie eine Belohnung für die Kinder funktionieren soll. Diese Paten schicken zu Weihnachten Geschenke, was für die Kinder extrem wichtig ist, denn sie fühlen sich wirklich mit ihren Paten verbunden. Paten und auch Spendengelder versucht die Stiftung Alalay in Österreich für die beiden Niederlassungen in La Paz und Santa Cruz zu finden.

In Santa Cruz ist das Heim in zwei Niederlassungen aufgeteilt: einmal ‚casa niño‘ in der Stadt und die Aldea auf dem Land, wo ich leiben und leben durfte. Die Aldea ist ein größeres Gelände auf dem verschiedene Häuser (Cabañas) stehen, in denen die Kinder und Jugendliche nach Geschlecht und Alter aufgeteilt sind. Momentan leben hier 42 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 3 bis 19 Jahren. Außerdem gibt es noch eine Küche, Bäckerei und ein Büro. Im Büro habe ich die ersten fünf Monate meines Freiwilligendienstes verbracht. Mein Aufgabenbereich dort war zum einen die Mitarbeitern dort bei ihrer Arbeit zu unterstützen und zum anderen mit den Kindern zum Arzt fahren, falls sie mal krank sein sollten. Vor allem musste ich im Büro Berichte erstellen, ausdrucken und sortieren. Die Arztbesuche waren immer ein kleines Abenteuer für sich und sehr kmpliziert, da meine Spanischkenntnisse am Anfang natürlich nicht so gut waren. Aber am Ende des Tages war ich immer froh, dass alles geklappt hat und ich auch genügend  Geduld für alles fand. Bürokratie und Krankenhäuser in Bolivien sind eine gute Schule, die einen lehren, was eigentlich Geduld istt.

Mitte Januar 2017 habe ich den Aufgaben Bereich gewechselt, weil ich auch die Arbeit in einer Cabaña kennenlernen wollte. Seitdem ist die Cabaña A soetwas wie mein neues Zuhause geworden. Dort wohnen die älteren Jungs in der Aldea. Meine Cabaña ist die kleinste mit nur sechs Jungen im Alter zwischen 12 und 14 Jahren. Der Alltag beginnt dort für mich um sieben Uhr mit dem Frühstück. Danach habe ich eigentlich Freizeit bis die Kinder zum Mittagessen von der Schule zurückkomment. Vormittags gibt es aber immer etwas zutun, entweder wird Hilfe beim Brotbacken oder in der Küche benötigt. Nach dem Mittagessen werden dann Hausaufgaben und ‚oficios‘ (Aufgaben, wie Haus putzen, Zimmer aufräumen, Küchendienst, Putzdienste) erledigt und dann ist Freizeit. Die meisten Jungs in Alalay spielen Fußball. Wie in Deutschland, haben auch hier in Bolivien die Ballsportarten einen sehr hohen Beliebtheitsgrad. Da darf ich auch des öfteren mit den Jungs mitspielen. Es gibt immer etwas in der Cabaña zutun, wenn die Plicht am Tag getan ist, dann findet sich immer etwas anderes. So sind meine Jungs und ich zur Zeit so richtig im Schach-Fieber.

Es war und ist für mich sehr lehrreich im Büro und in einer Cabaña zu arbeiten. So durfte ich das Projekt aus der bürokratisch objektiven und aus der persönlich subjektiven Sicht kennen lernen, was mir viel tiefere Einsichten in das Projekt “Alalay” in Aldea ermöglicht hat, als den anderen Freiwilligen. Das einzige was mich zurzeit traurig stimmt, ist, dass mir immer weniger Zeit hier in meiner Cabaña verbleibt.

Meine Jungs und alle Leute in Bolivien haben mich mit offenen Armen empfangen. Mittlerweile ist Santa Cruz meine zweite Heimat geworden und es wird für mich sehr komisch sein, wieder zurück nach Deutschland zurückzukehren. Aber ich freue mich natürlich auf die Heimat und auf mein Studium im Herbst 2017. Je näher der Rückflug kommt, verspüre ich umso größer die Zweispältigkeit in mir, die ich schon vor meiner Abreise aus Deutschland hatte – nur dieses Mal mit einem anderen Vorzeichen versehen. Denn dieses Mal wird der Abschied ein anderer sein, denn er ist für eine unbestimmte Zeit.

Mit großer Spannung wartete ich am Frankfurter Flughafen auf meine Abreise nach Mumbai, um an einem Lions International Youth Camp in Indien teilzunehmen.

Nachdem ich mich an der Sicherheitskontrolle von meiner Familie verabschiedet habe, war ich auf mich alleine gestellt. Mein erster Langstreckenflug und es war das erste Mal, dass ich alles selbst organisieren musste. Nach einigen Komplikationen bei der Ankunft in Mumbai und Dank der freundlichen Unterstützung einiger hilfsbereiter Inder, die in Deutschland studieren, kam ich schließlich wohlbehalten durch die Passkontrolle und doch etwas aufgeregt am Ausgang an.

Noch bevor ich mir irgendwelche Gedanken machen konnte, wie ich meine Gastfamilie im Gedränge des Ankunftsbereichs finden sollte, kam mein Gastbruder Payush auf mich zugelaufen und begrüßte mich herzlich. Unter den vielen indischen Gesichtern war ich mit meinen blonden Haaren ja wohl kaum zu übersehen. Nachdem Prakash seinem Vater Payushs vorgestellt hatte, wurde ich nach indischer Art mit Kerze, Bindi (Inderpunkt) und Namaste begrüßt. Auf dem Weg zur Wohnung meiner Gastfamilie standen wir dann erst einmal im Stau, woran ich mich in Indien aber noch ziemlich schnell gewöhnen sollte, da in Mumbai der Zustand „Nicht Stau“ praktisch nicht existiert. Auch mein Gastmutter war äußerst nett, und mit ihr habe ich während der zehn Tage in der Gastfamilie oft gekocht und war mit ihr einkaufen oder spazieren gegangen.

Am nächsten Tag trafen sich Payush und ich mit Clary aus Tschechien und Pael ihrer Gastschwester, mit denen wir ins Museum und an der Strandpromenade entlang gingen. Dort probierten wir auch Chili-Eis (sehr gewöhnungsbedürftig) und entdeckten einen „PokeWalk“ (das ist ein Handyspiel benannt nach den  japanischen Pokemonfiguren) mit fast 200 Menschen.

Mein persönliches Highlight in meiner Zeit in Indien startete am nächsten Morgen ganz in der Früh. Nach nur drei Stunden Schlaf sind wir zum Treffpunkt der „alliance oft he riding knights“, der Motorradgang von Payush aufgebrochen. Nachdem wir mit den Motorrädern erst einmal außerhalb Mumbais waren, fuhren wir durch wunderschöne tropische Wälder, Dörfer mit Kindern, die begeistert auf die Motorräder zeigten, vorbei an Reisfeldern und heiligen Kühen. Ziel der dreistündigen Fahrt war ein großer Wasserfall, in dem man auch baden konnte.

In den nächsten Tagen standen noch verschiedene Sehenswürdigkeiten in Mumbai auf dem Programm. Wir haben noch viele Freunde von Payush getroffen, ganz viel leckeres indische Speisen gegessen und noch jede Menge Monsunregen erlebt.

Nach den zehn Tagen in der Gastfamilie folgten zwanzig weitere Tage Aufenthalt im Rahmen des eigentlichen Lions Youth Camps. Nach einer großen Kennenlernrunde fuhren wir, 13 Jugendliche aus 7 verschiedenen Ländern mit unseren beiden indischen Campleitern Abbischek und Umaji, Richtung Wildnis-Camp.  Die ersten drei Tage verbrachten wir dort umgeben von viel Grün und mit sehr viel Regen. Das „adventure camp“ hielt alles was es versprach, so konnten wir via Seilbahn in einen großen See rutschen, uns an verschiedenen Kletterelementen auspowern und mit Pfeil und Bogen schießen.

Nach diesem großartigen Naturerlebnis folgte ein Städtetrip von Pune aus über Neu Delhi, Agra, Jaipur und Sikar zurück nach Mumbai. Diese Reise setzte sich aus einem guten Mix aus Kultur, leckerem indischen Essen und schönen Erlebnissen mit der Gruppe zusammen. Wir durften das Taj Mahal besichtigen, sahen  Kühe, die sich mitten auf der Straße schlafen legten, und Ziegen, die es sich auf Autodächern bequem gemacht haben. Wir durften bei einem traditionell indischen Trommelkonzert mitmachen, wir haben unzählige Blumenketten umgehängt bekommen und anschließend jede Menge Fotos und Selfies gemacht und noch sehr vieles mehr erlebt, was ich ich hier gar nicht alles aufzählen kann.

Sehr schön war auch, dass wir in allen Städten von den ortsansässigen Lions Clubs immer sehr herzlich in Empfang genommen wurden. Alle Lions haben sich sehr gut um uns gekümmert haben, sie haben tolle Ausflüge für uns arrangiert und auch immer für unsere Unterbringung gesorgt.

Ich kann nur jedem, der die Chance hat, an einem Lions International Youth Camp teilzunehmen, ans Herz legen, eine solche Gelegenheit wahrzunehmen. Ich möchte keine der Erfahrungen und Erlebnisse die ich dort gemacht habe missen und freue mich, dass ich so viele nette Menschen und neue Freunde kennen lernen durfte. Mein Aufenthalt in Indien war bunt, sehr scharf (Essen) und einfach außergewöhnlich.

Mein Dank gilt dem Lions Club Haßberge, der mich bei der Realiserung meines Freiwilligendienstes mit “weltwärts” unterstütz hat.

Sarah Schad

Nähere Informationen zum dem Projekt “Alalay” Santa Cruz de la Sierra in Bolivien sind unter folgendem Link zu finden:

http://www.alalay.at/

Auf der Webseite des Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) gibt es weitere Informationen zu dem Freiwilligendienst “weltwärts”:

http://www.weltwaerts.de/de/

 

 

 

 

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